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Rezension: „Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“

Physik bestimmt dieses grandiose Buch, das eigentlich eine ganz andere Botschaft hat!

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Ethan ist 12 Jahre alt und ein Freak, wie ihn seine Mitschüler nennen.
Er ist hochbegabt, was den Bereich der Physik betrifft und auch sonst ein sehr cleverer Kerl. Er weiß so ziemlich alles über das Universum, das Sonnensystem, die Relativitätstheorie von Einstein und Quantenphysik. Allein mit seiner Mutter Claire, eine ehemalige Primaballerina, und seinem Kaninchen Quark, lebt er in Sydney.
Ethan macht sich über alles in Form von Protonen und Neutronen, Photonen, etc. Gedanken. Leider findet er niemanden, der mit ihm auf einer Wellenlänge schwimmt und ihm Antworten auf seine Fragen geben kann. Je älter er wird, umso mehr vermisst Ethan seinen Vater, von dem er rein gar nichts weiß. Denn Claire schweigt zu diesem Thema beharrlich.
Doch eines Tages, nämlich nach 12 Jahren, meldet sich Marc, der Vater und Exmann, bei Claire, die nichts von ihm wissen will. Dennoch nimmt Ethan heimlich Kontakt zu seinem Vater auf und holt damit die von Claire so gut verdrängte Vergangenheit hervor.

Denn Ethan erlitt mit 4 Monaten ein Schütteltrauma und schwerste Hirnverletzungen. Trotz aller Prognosen ist er – augenscheinlich – gesund und munter.
Marc, der Vater, der zu dem Zeitpunkt an seiner Doktorarbeit als theoretischer Physiker saß, wurde aufgrund von Indizien zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, woraufhin Claire den Kontakt abbrach.
Doch immer wieder stellt sie sich die Frage: hat Marc, die Liebe ihres Lebens, Ethan verletzt oder nicht, wie er behauptet? Auch die behandelnden Neurologen unterstützen diese Frage, denn es gibt ähnliche Hirnverletzungen bei Neugeborenen, auch ohne Gewalteinwirkungen.
Ethan entschließt sich, in die Vergangenheit zu reisen, um Beweise zu sichern, dass sein Vater, den er heiß und innig liebt und mit dem er endlich einen Gleichgesinnten gefunden hat, unschuldig ist… Einsteins Relativitätstheorie, die Marc sich als Gleichung für die kleine Familie auf den Arm tätowieren ließ, hilft ihm dabei:

E=mc2

Mich hat das Buch vom ersten Moment an fasziniert – obwohl ich von Physik keine Ahnung habe. Der Schreibstil der Autorin nimmt den Leser vom ersten Satz an mit in die Geschichte, die in Australien spielt.
Hayes schreibt mit einer bildreichen Sprache, die den Leser mit auf der Wiese liegen und den Sternenhimmel betrachten lässt, den Ethan gerade seiner Mutter erklärt.
Der Leser sieht plötzlich- wie Ethan- Physik: die Schwingungen aus den Lautsprechern strömen, die Wellen, die die Mutter umgeben und die Farbspektren, die vom behandelnden Arzt ausgehen. Auch die Emotionen und deren Schwankungen, die zwischen Claire und Marc immer wieder auftauchen, erlebt der Leser mit und lässt ihn genauso zweifeln wie Claire selber.
Im Laufe der Geschichte verdichten sich die physikalischen Beschreibungen und Thesen allerdings, wenn die Autorin nur noch von Gleichungen, Reaktionen und anderen Theorien schreibt, was als langatmig oder auch dramatisch empfunden werden kann.

Antonia Hayes muss selber ein Physik-Genie sein. Ob die Hypothesen, die physikalischen Gleichungen alle korrekt sind, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich gehe aber davon aus, dass sich ein Verlag diesen Fauxpas nicht erlaubt.

Trotz meiner Begeisterung muss ich auch einiges kritisieren.
Ethans Nöte und Bedürfnisse, keine Freunde zu haben, seinen Vater nicht zu kennen und niemanden zum Gedankenaustausch zu haben, sind sehr wichtig und zentral , treten aber aufgrund der physikalischen Überladung etwas in den Hintergrund. Auch, dass es Antonia Hayes bei dem Roman um Kindesmisshandlung geht und dieses eigentlich das Kernthema ist, geht etwas unter.
Erst im Nachwort, in dem es heißt, dass der Roman den Betroffenen gewidmet ist, wurde mir klar, auf was die Autorin eigentlich hinaus möchte: nämlich dem vernachlässigten Thema Kindesmisshandlung, explizit Schütteltraumata, einen Raum zu geben und die Aufmerksam hierauf zu lenken.

Antonia Hayes stellt mit ihrem Debütroman ein Thema in den Mittelpunkt, das keine sonderliche Aufmerksamkeit der Medien genießt und auch keine große Lobby hat: Schütteltraumata, die eine Folge von Kindesmisshandlungen von Neugeborenen ist.
Dennoch ist dieser Roman keine Belehrung und auch kein mahnender Zeigefinger.
Denn Hayes verpackt dieses Thema in eine wunderschöne, tragische, dramatische Familiengeschichte.

Unbedingt lesen!

Vielen Dank an blanvalet, dass ich dieses wunderbare Buch lesen durfte!

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
€ 19,99 
ISBN: 978-3-7645-0575-2
ET: 22.08.2016
erschienen bei blanvalet

 

 

 

2 Kommentare zu „Rezension: „Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“

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