Allgemein · Bücher

Eine Kindheit in 63 Buketts

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Rezension: „Der Duft meiner Kindheit“ von Philippe Claudel

Jeder kennt es:
plötzlich kommt ein Duft, ein bestimmter Geruch vorbei geflogen, setzt sich in die Nase und schon kommen Erinnerungen aus den hintersten Winkeln des Gehirns angeflogen, die man schon lange meinte, vergessen zu haben.

So geht es mir häufig. Plötzlich taucht der Duft des Waschpulvers meiner Großmutter auf, der, der Waffeln mit heißen Kirschen meiner Großtante, der Duft der Schmiere an den Händen meines Vaters, eine leichte Brise, die nach frisch gehobelter Späne, in der Tischlerei meines Urgroßvaters riecht.
Und schon bin ich wieder in meiner Kindheit, springe mit meinem Kaninchen durch unseren riesigen Garten und klaue die Stachelbeeren von den Sträuchern, die viel größer sind, als ich selber. Nostalgie macht sich breit.

Genau so ergeht es auch dem französischen Autor und Regisseur Philippe Claudel, Jahrgang  1962.

Jeder Sache, jedem Ort und jeder Pflanze ordnet er in seinem Buch „Der Duft meiner Kindheit“ eine Erinnerung, eine Geschichte zu.
Was verbindet er mit Knoblauch, mit dem Duft eines Hotelzimmers, dem von Lavendel und an was erinnert er sich plötzlich, wenn sich diese bestimmten  Aura, dieses bestimmte Aroma von einem Sommergewitter breit macht?

In 63 Kurzgeschichten zu 63 verschiedenen Buketts schreibt Claudel über das, was ihn immer wieder mit seiner Kindheit verbindet.

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Geschichten zu einem Schwimmbad, Fisch, Salbe, Gewitterregen, Akazie, Knoblauch und vieles mehr, reiht er aneinander zu einem großen Ganzen und nimmt den Leser mit auf eine Reise. Durch das Frankreich der 60er Jahre, durch eine unbekümmerte Kindheit.
So erzählt er, wie er neue, frische Akazienblüten sammelt, sie vorsichtig eingewickelt nach Hause zu seiner Mutter bringt, die schon mit einem auf bestimmte Art zubereiteten Teig, in dem die Blüten ausgebacken werden, auf ihn wartet.

„Mit glänzenden Augen beiße ich, ohne auf das Brennen der Lippen zu achten, in die knusprige Masse aus Blüten, Lachen und Wind. In diesem Moment dringt der ganze Frühling in meinen Mund.“

Er berichtet von dem Geruch von Gauloises, der ihn an den Pullover seines Onkels erinnert, an den Knoblauch, den die Großmutter großzügig in den Hasenbraten schmeißt oder von dem Duft, der ihn an die ersten Küsse der dicken Frenzi erinnert.

Philippe Claudel schafft mit „Der Duft meiner Kindheit“ ein olfaktorisches Meisterwerk, das den Leser nicht nur an seinen duftigen Kindheitserinnerungen teilhaben lässt, sondern auch ein Werk, das den Leser animiert, Gerüche die eigenen Erinnerungen wecken zu lassen.

„Der Duft meiner Kindheit“ von Philippe Claudel
erschienen bei rowohlt
als Taschenbuch, Hardcover und eBook
192 Seiten

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