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Rezension: Krummbüchel und die Baustelle des Lebens

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Literatur, die unterhält. Was braucht der Leser mehr?

Ulrich List veröffentlichte einen Tag vor Heiligabend 2016 bei dem Verlag editionfredebold seinen Lyrikband „Krummbüchel und die Baustelle des Lebens“.

Lyrik? Man denkt an blumige Texte, Metaphern und Euphemismen. Möchte man das lesen, wenn man keine poetischen Neigungen hat? Ich eigentlich nicht – die Romantik ist bei mir etwas kurz gekommen. Dennoch landete der Gedichtband durch Zufall auf meinem Leseberg. Da ich Bücher dieser Art häufiger auch mal zwischendurch in die Hand nehme, habe ich recht schnell einen Blick hineingeworfen, denn man muss hier keine langen Geschichten und Romane lesen, von denen man sich evtl. nicht mehr loseisen kann.

Ulrich List, mittlerweile stolze 75 Jahre alt, dichtet schon lange. Aber erst seine Krebserkrankung ließ den Gärtnermeister sein Leben noch ein Mal überdenken und es vollständig ändern. So zog der Kölner nach Mallorca und begann dort ernsthaft sein Leben in Versform auf Papier zu bringen. Entstanden sind Gedichte über das Leben, sein Leben. Dennoch lässt List den Leser seine Lebenserfahrungen in erster Linie durch sein Alter-Ego Krummbüchel, den Bauarbeiter, mitverfolgen.

Nach Themen sortiert wird der Leser durch das Buch geführt: Liebe, Gesellschaft, Natur, Reise und kölsche Texte (denn List ist und bleibt Ur-Kölner).
„Krummbüchel stellt sich vor“ – ist die Überschrift der ersten Verse, in denen dem Leser erklärt wird, mit wem er es eigentlich zu tun hat.

„Ich bin ich“
Ich bin der, den Du in mir siehst
und ich bin der, vor dem Du fliehst.
[…]
Ich bin banal, mal mit tieferem Sinn.
Kurz gesagt: Ich bin der, der ich bin.

Der Leser wird auf eine Reise mitgenommen, in guten wie in schlechten Zeiten. „Haste ma‘ `nen Euro?“ spiegelt die besonders schlechten Zeiten wieder – im schönsten Berlinerisch, denn die mieseste Zeit seines Lebens erlebte Ulrich List dort.

Auch die Trennung von seiner Ehefrau hielt er lyrisch fest: in „Esoterik“ beschreibt er ihren „geistigen“ Wandel:
[…]
Zum Guru gibt’s, das spürt sie lange,
`nen karmischen Zusammenhang.
Kinder, Familie, sind ihr schnuppe,
sie geht jetzt in die Gurugruppe.

List kann aber auch poetisch sein und nachdenklich machen. In „Das Meer und die Liebe“ nimmt er Abstand von Humor und Zynismus und der Leser spürt die sensible Seite des Autors.

Für jemanden, der hochkarätige Lyrik zum Interpretieren und Analysieren sucht, ist mit „Krummbüchel und die Baustelle des Lebens“ sicher nicht richtig bedient.
Möchte man sich aber dennoch mit Lyrik beschäftigen, so ist man hier gut aufgehoben.
Denn List schreibt – ohne Selbstmitleid – in zynischer Art und in  sarkastischer Weise, in weicher und sensibler Form über das, was jeder Leser erlebt: über das wirkliche Leben.
Dennoch betrachtet Ulrich List alles, was ihm widerfahren ist, mit einem gesunden Abstand. So schafft er es, auch schlechte Erfahrungen in kabarettreifer Form und mit viel Humor festzuhalten, aber auch zu provozieren und den Leser nachdenklich zu stimmen.

Sicher ist „Krummbüchel und die Baustelle des Lebens“ ein etwas anderer Lyrikband, den man nicht der Gattung der hohen Literatur zuordnen kann.
Ulrich List schafft es dennoch, den Leser in den Bann zu ziehen, am Lesen zu halten und mindestens zum Schmunzeln zu bringen.
Literatur, die unterhält. Was braucht der Leser mehr?

Ein Kommentar zu „Rezension: Krummbüchel und die Baustelle des Lebens

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